Warenwelt in Schräglage Auf Gehsteigen, Balkonen und Terrassen fristen Dinge ihr Dasein, die man tagtäglich zum Leben benötigt, aber nicht ständig in nächster Nähe wissen möchte. Hier finden, nur unzureichend gegen Wind und Wetter geschützt, Kaffeemaschinen und Klimaanlagen ihren Platz. Was als vorübergehender Zustand oder als Notbehelf gedacht war, erweist sich mit der Zeit als fester Bezugspunkt im Leben. Um die Handhabe zu erleichtern oder um zu verhindern, daß eine Sache ins Rutschen gerät, werden Bodenunebenheiten und abschüssige Stellen mit Hilfe zufällig greifbarer Utensilien ausgeglichen. Mal wird ein Backstein untergeschoben, mal eine Holzlatte als Füllstoff eingesetzt, mal der Schwerkraft mit einer Eisenstange entgegengewirkt. Mit ihren Fotografien und Rauminstallationen lenkt Haegue Yang den Blick auf jene verdichtete Ubiquität, die dort entsteht, wo sich das Private in den öffentlichen Raum ausdehnt, wo die individuellen Bedürfnisse der standardisierten Warenwelt ein unverwechselbares Gepräge geben. Im Provisorischen entdeckt sie die widerständigen Phänomene, die nach Michel de Certeau eingewoben sind in Bräuche, Riten und Praktiken. Haegue Yang dokumentiert, wie sich ungelenk zusammengebastelte Sitztische gegenüber parkenden Autos und Motorrädern behaupten, wie sich Schüler mit Markierungen und Randkommentaren abfragbaren Schulstoff zu eigen machen, wie die Bricolage dem Standardisierten trotzt und das Abweichende dem Einheitlichen widersteht. Ihre Helden des Alltags sind all jene, die sich weigern, bloße Konsumenten zu sein. Diese entfalten in der Aneignung von Produkten, die ihnen von der herrschen ökonomischen Ordnung aufgezwungen werden, ungeahnte Produktivkräfte. Wer sich Haegue Yangs Leitsystem überläßt, der erfährt, auf welch überraschende und spielerische Weise aus Gemeinplätzen Räume von eigenverantwortlich handelnden Personen werden können. Annette Tietenberg back |
Warenwelt in Schräglage Auf Gehsteigen, Balkonen und Terrassen fristen Dinge ihr Dasein, die man tagtäglich zum Leben benötigt, aber nicht ständig in nächster Nähe wissen möchte. Hier finden, nur unzureichend gegen Wind und Wetter geschützt, Kaffeemaschinen und Klimaanlagen ihren Platz. Was als vorübergehender Zustand oder als Notbehelf gedacht war, erweist sich mit der Zeit als fester Bezugspunkt im Leben. Um die Handhabe zu erleichtern oder um zu verhindern, daß eine Sache ins Rutschen gerät, werden Bodenunebenheiten und abschüssige Stellen mit Hilfe zufällig greifbarer Utensilien ausgeglichen. Mal wird ein Backstein untergeschoben, mal eine Holzlatte als Füllstoff eingesetzt, mal der Schwerkraft mit einer Eisenstange entgegengewirkt. Mit ihren Fotografien und Rauminstallationen lenkt Haegue Yang den Blick auf jene verdichtete Ubiquität, die dort entsteht, wo sich das Private in den öffentlichen Raum ausdehnt, wo die individuellen Bedürfnisse der standardisierten Warenwelt ein unverwechselbares Gepräge geben. Im Provisorischen entdeckt sie die widerständigen Phänomene, die nach Michel de Certeau eingewoben sind in Bräuche, Riten und Praktiken. Haegue Yang dokumentiert, wie sich ungelenk zusammengebastelte Sitztische gegenüber parkenden Autos und Motorrädern behaupten, wie sich Schüler mit Markierungen und Randkommentaren abfragbaren Schulstoff zu eigen machen, wie die Bricolage dem Standardisierten trotzt und das Abweichende dem Einheitlichen widersteht. Ihre Helden des Alltags sind all jene, die sich weigern, bloße Konsumenten zu sein. Diese entfalten in der Aneignung von Produkten, die ihnen von der herrschen ökonomischen Ordnung aufgezwungen werden, ungeahnte Produktivkräfte. Wer sich Haegue Yangs Leitsystem überläßt, der erfährt, auf welch überraschende und spielerische Weise aus Gemeinplätzen Räume von eigenverantwortlich handelnden Personen werden können. Annette Tietenberg |